Sommer 2021

SOMMER 2021

Ziegenalp Malschüel

1500-1700 m. über dem Meer

Alvierkette, St. Gallen, Schweiz

Ich spring ja öfters in die kalte Milch. Die Schwimmflügel sicherheitshalber aufgeblasen mit Glaube und Hoffnung. An einen Ort zu fahren, an dem man noch nie war, um dort eine Arbeit zu tun, die man noch nie alleine tat, und das gemeinsam mit Menschen, die man nicht kennt – ehrlich? Das ist nicht wirklich ein schönes Gefühl. Da kann man das Kinn des Abenteurergeistes noch so forsch in die unbekannte Welt hinaus recken. Die stramme Haltung verhindert nicht das innere Zittern . Aber, ich hab mir das vorgenommen, und ich mach das jetzt auch: einen Sommer auf einer Ziegenalp.

Da sind wir also. 2 Hirten (Jakob & Mathis), 1 Hilfe (Elisa), 330 Ziegen (Namensliste zum Download folgt), 2 Hütehunde (Djinn & Lachs), 25 Molkeschweine (ich nenn sie alle Björn, mit ihren weißen Wimpern sind sie so schwedisch). Außerdem: gefühlte 100.000.000 Liter Regen und doppelt so viel Nebel. Ich brauch ja nicht zu reden, ich steh in der Käserei, das Holz prasselt im Dampfkessel, die Fenster sind mit Wärme beschlagen. Aber die anderen! Den Elementen Wasser, Luft und Erde ausgesetzt. Ich habe ein schlechtes Gewissen und heize zumindest schon mal in der Küche ein. Abends machen wir uns Gedanken darüber, ob Milch von tropfenden Ziegen eigentlich verwässert ist. Ich bin übrigens 1 Käserin.

Gipfelruh zwischen

dem Glockengeläut.

6:21 Guten Morgen Marlene. Wir lassen jetzt die Milch runter.

„In ein paar Wochen machst Du das hier mit geschlossenen Augen.“ Jeden Tag um die 500 Liter Ziegenmilch in 25 Laibe Halbhartkäse verwandeln. Manchmal auch in Frischkäse und Joghurt. Holz aus dem Schuppen holen. Zuerst 25, zum Schluss 2700 Käselaibe täglich mit Salzwasser gebürstet haben. 40.000 Kilo Käse umgewandelt in gestählte Oberarm-Muskulatur. Kuchen backen und die Wäsche in die Sonne hängen. Mit Hunden kuscheln und zwischen Nachbarskälbern im Frauenmantel liegen. Immer mal wieder zum Stall hochlaufen um zu melken. Znachtessen kochen. Den Schlaf der Gerechten unter funkelnden und auch herabfallenden Sternen.

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Nasse Stoiker unterm Regenbogen melken.

Ziege Nr. 211 stürzt 20 Meter in die Tiefe, schlägt auf, steht auf, schüttelt sich, läuft weiter. Am nächsten Tag fehlt sie abends beim Melken, am Tag drauf auch. Die Hirten gehen sie am Chrummenstein suchen. Nichts. Vielleicht also doch innere Verletzungen und zum sterben weggegangen. Dann: eines Nachmittags spaziert sie seelenruhig den Wanderweg runter. Drängt sich beim Melken in die 1. Runde vor, holt sich ihr Kraftfutter und gibt brav Milch. Vielleicht war es nur eine Gehirnerschütterung, die sie glauben machte eine Gams zu sein, ein paar Tagen oben mit ihnen tolpatschig über die Steinfelder springend, jetzt wieder in ihrer Identität als Ziege tätig. Ihr Name ist Perla.

Ich träume von an Felswand herablaufendem Joghurt und habe großes Vertrauen, dass alles immer so kommt wies passt und so passt wies kommt.

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Kaum schreibe ich nicht, vertrockne ich wie Käse, und das ist beides das schlimmste was passieren kann.


Die Wimpern der Schweine so weißblond, dass sie mich an Schweden erinnern. Ich nenne also jedes einzelne Björn.

Man könnte meinen, der Ziegenkäse aus diesem nebelig nassen Alpsommer sei verwässert, unterkühlt, ungeduldig. Aber – das Gegenteil ist der Fall! An schlechten Tagen mühsam erarbeitete Milch sorgsam verarbeitet, an guten Tag: Ekstase in der Sonne und die gesamte Essenz des Alpsommers gebündelt in einer einzigen Freude, einer zarten Almblume gleich, mild wie die Cremefarben der sonnengebleichten Toggenburger Ziegen.

Mit Schnappatmung klettere ich auf den Grat zwischen Gärtliegg und Chrummenstein (2259m). Jakob verwechselt mich aus der Ferne mit einer ausgebüchsten Ziege.

Fotos © Cornelia Hefel

Ich wandere mal hier hin und mal dahin, lasse mich überall gleich gern zwischen Alpenrosen, Farn, Thymian, Knabenkraut, Silbermäntel plumpsen, und, da fällt mir ein, warum mir das immer alles so gut gefällt, weil, es ist alles der Meeresboden.